Noch viel interessanter als der Scientology-Aussteiger-Film “Bis nichts mehr bleibt” (Mi, 20:15, ARD) ist das Dilemma seiner Macher.
Der Pressesprecher von Scientology Hamburg und sein Kollege von Scientology Deutschland haben also im Anschluss [an die Vorabpräsentation des Films für Journalisten] in die Hamburger Repräsentanz der Sekte geladen, um über einen Film zu reden, den sie nicht gesehen haben. Es ist ein mühsames Gespräch: Die Scientology-Vertreter mutmaßen über den Inhalt, verrät doch selbst die offizielle ARD-Pressemappe dazu aus Angst vor juristischen Konsequenzen nur diese zwei Sätze: “Der Film erzählt, mit welch raffinierten Methoden es der Organisation Scientology immer wieder gelingt, Menschen von sich abhängig zu machen. Der junge Familienvater Frank schafft es, sich selbst wieder aus den Fängen des Systems zu lösen – aber in diesem Kampf verliert er seine Familie an Scientology.”
Und weil die Scientologen Genaueres wissen wollen, schließlich geht es im Film um sie, und die Journalisten falsche Mutmaßungen aus dem Gespräch heraushalten wollen, ergreifen die Medienvertreter unweigerlich Partei für einen Film, der ihnen gar nicht wirklich gefällt. Dabei geraten sie unweigerlich zwischen die verhärteten Fronten eines Glaubenskriegs, der nirgendwo in Deutschland heftiger tobt als in Hamburg und nun in fiktionalisierter Form Gegenstand eines Fernsehfilms geworden ist. Das eigentlich Interessante ist aber gar nicht der Film an sich, sondern das Dilemma im Umgang mit Scientology: Abstand zu wahren, ohne den Anstand zu verlieren. Und in dieser Frage – so viel sei verraten – haben die Macher von “Bis nichts mehr bleibt” einiges an Souveränität und Fairness vermissen lassen. (…)
“Bis nichts mehr bleibt”, Mittwoch 20.15, ARD
Quelle: taz vom 31.03.2010
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