In Russland nimmt ein Prozess gegen die Macher einer Kunstausstellung immer bizarrere Formen an. Wegen der gezeigten Werke, die religiöse und politische Motive vermischen, droht ihnen Gefängnis.
(…) “Es tut mir weh, das anzusehen”, stößt die Rentnerin hervor und wendet sich angewidert von den Bildern ab, die der Staatsanwalt vor ihr ausbreitet.
Verletzt eine McDonald’s-Reklame mit dem Konterfei Jesu die Gefühle dieser Frau und anderer Christen? Um diese Frage dreht sich der Prozess, der am Freitagnachmittag im Moskauer Taganski-Gericht in die nächste Runde ging.
Angeklagt sind Andrej Jerofejew, prominenter Kurator für zeitgenössische russische Kunst, und Juri Samodurow, ehemaliger Direktor des Sacharow-Zentrums. Der Vorwurf: Volksverhetzung. Nach § 282 des russischen Strafgesetzes drohen den Angeklagten bis zu fünf Jahre Haft. Besonders der wegen einer ähnlichen Ausstellung schon vorbestrafte Samodurow muss fürchten, tatsächlich im Gefängnis zu landen.
Als Gotteslästerung beschimpft die Frau mit dem Kopftuch die Kunstwerke, die im Frühjahr 2007 nur ein paar Kilometer von hier im Sacharow-Zentrum gezeigt wurden. “Verbotene Kunst 2006″ hieß die Ausstellung der Bilder, die dabei jedoch von hohen Stellwänden verdeckt wurden. Nur wer durch die kleinen Gucklöcher linste, konnte zum Beispiel eine Ikone erkennen, in deren goldenen Rahmen keine Gottesmutter gemalt war, sondern schwarzer Kaviar.
Besonders weh hat den russisch-orthodoxen Zeugen jedoch das Kunstwerk von Wagritsch Bachtschanjan getan: Der Erlöser am Kreuz – mit einem Lenin-Orden als Kopf. Das Bild hat Bachtschanjan Anfang der achtziger Jahre gemalt.
Der größte Teil der 136 Zeugen, die die Anklage seit April dieses Jahres aufbietet, haben die Ausstellung freilich nie besucht, kennen die Bilder nur aus dem Internet, sagt Jerofejew. (…)
Quelle: Spiegel vom 25.07.2009
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