Vor zehn Jahren hätte es keinen Menschen interessiert, wenn ein Rechtsprofessor seinen 600-Seiten-Wälzer vorstellt. Heute mietet ihm sein Verlag einen Saal in einem feinen Friedrichstraßen-Quartier, viele kommen, gerade junge Menschen, man bittet eine streitbare Juristin hinzu und darf auf Neugier und Beachtung hoffen. Denn die Scharia, gültiges Recht für Millionen Muslime, erregt Gemüter in Politik und Volk. Und der Professor, Mathias Rohe, hat das Reizthema erstmals großflächig mit der Elle westlicher Wissenschaft vermessen. Die Scharia, eine „Kulturleistung, die man anerkennen muss“, gilt auch in Deutschland, folgert er. Womit er bei „Islamkritikern“ aneckt, zu denen auch Seyran Ates gezählt wird, die Berliner Anwältin mit türkischen Wurzeln, die für ihre Absage an die Multikultigesellschaft Applaus bekommen hatte.
Doch wer steht hier gegeneinander? Ein Schwärmer gegen eine politische Realistin? Ein Aufklärer gegen eine Ideologin? Ein schariabegünstigter Mann gegen eine schariaentrechtete Frau? „Die Scharia kommt nicht durch die Hintertür in die deutsche Rechtsordnung – sie kann durch die Vordertür herein“, sagt Rohe. Kein Widerspruch. Stattdessen sagt Ates: „Demokratie und Islam sind vereinbar – keine Diskussion.“ Oder: „In Saudi- Arabien bewegt sich was.“ (…)
Quelle: Tagesspiegel vom 12.06.2009


