Demjanjuk und die Schuld

12.05.2009

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Heute sind sie gebrechlich, tatterig und schwerhörig. Damals, vor unendlich langer Zeit, haben die Männer, die heute auf die neunzig zugehen, im Schlachthaus der Weltgeschichte für “Ruhe und Ordnung” gesorgt. Sie haben hungernde Kinder Kot fressen lassen und sie anschließend erschossen. Sie haben getötet – wen, wenn und wann sie wollten; grausam, nach Laune, tausend- und zehntausendfach.

Später haben sie Kaninchen und Forellen gezüchtet in den USA oder in Lateinamerika, sie galten dort als brave und unauffällige Bürger. Sie haben ihre Vergangenheit sorgsam verbogen und verborgen, sie haben wunderbar angepasst gelebt – und die deutsche Justiz hatte wenig Lust, sie zu verfolgen.

“Es war eben Krieg”, hieß es in den Nachkriegsjahrzehnten entschuldigend. Das Verständnis für die Nazi-Täter war größer als die Bereitschaft, sie für ihre Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen. So genau, wie es für einen Strafprozess notwendig ist, wollte man “es” nicht wissen. Dieses Nicht-wissen-Wollen war und bleibt die zweite deutsche Schuld. Juristische Aufarbeitung der Vergangenheit? Hätte es damals nicht einen Fritz Bauer, Generalstaatsanwalt in Hessen, gegeben, man könnte wohl das Wort “Aufarbeitung” gar nicht benutzen. (…)

Quelle: Süddeutsche vom 12.05.2009


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