Unerlaubte Werbeanrufe

Wer kennt sie nicht, die unerlaubten Werbeanrufe. Es ist keine Frage des Alters, ob man von ihnen gestört wird. Aber durchaus, wie man damit umgeht und welche Konsequenzen die Anrufe haben.

Neben dem verbotenen Cold Calling (Anrufe ohne das ausdrückliche Einverständnis des Angerufenen) haben vor allem betrügerische Werbeanrufe (Phishing = Abfrage sensibler Daten) Hochkonjunktur. Der durch Phishing entstanden Schaden (telefonisch, per Mail, am Geldautomat usw.) wurde für 2011 mit 26 Millionen EUR beziffert! Hinter Phishing steckt organisierte Kriminalität, und die Täter werden immer raffinierter.

Auf der Internetseite der Polizei-Beratung werden einige  Ratschläge (nachfolgend hervorgehoben dargestellt) gegeben, wie man sich verhalten soll, wenn ein unerlaubter Werbeanruf eingeht. Mich hat interessiert, wie praktikabel diese Tipps sind, vor allem für ältere Menschen.

Tipp 1: Lassen Sie sich nicht auf lästige Werbeanrufe ein. Legen Sie einfach den Hörer auf!

Praktisch und effektiv. Der Gebrauch einer Trillerpfeife soll sich als abschreckend erwiesen haben …

Senioren – vor allem im höheren Alter – reagieren in so einem Fall häufig zurückhaltender. Sie sind unter Umständen nicht nur einsam und freuen sich über einen Anruf – egal von wem -, oft sind sie dem Zeitgeist ihrer Jugend entsprechend zu Höflichkeit erzogen worden, die es ihnen fast unmöglich macht, sich gegen den Anruf zur Wehr zu setzen. Das Auflegen des Telefonhörers wird zur Hürde, ebenso ein deutliches “Nein”. Hiervon profitieren die Werbeanrufer.

Tipp 2: Erhalten Sie unerlaubte Werbeanrufe, notieren Sie sich Datum, Uhrzeit und Grund des Anrufs sowie Namen, Unternehmen und Rufnummer des Anrufers. Wenden Sie sich mit diesen Informationen an Ihre örtliche Verbraucherzentrale

Im Fall eines echten Cold Calls – über den eine Beschwerde direkt an die Bundesnetzagentur möglich ist – kann das für die anrufende Firma teuer werden. Möglicherweise handelte es sich statt dessen aber um einen Phishing-Versuch.

Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass Sie sich einen falschen Namen, falsche Angaben zum Unternehmen und eine gefälschte Rufnummer notiert haben. Nachdem die Rufnummernunterdrückung bei Werbeanrufen verboten ist102 Abs. 2 TKG), werden nämlich häufig Telefonnummern mittels so genanntem Call ID Spoofing vorgetäuscht.  Mit all den (meist) wertlosen Infos gehen die Belästigten dann zur Verbraucherzentrale, bezahlen eine Beratungsgebühr und das war’s. Ihnen ist durch die Anrufe Zeit und Geld gestohlen worden. Die Bundesnetzagentur kann in Phishing-Fällen auch nichts für die Betroffenen tun.

Für alte Menschen sind diese (technischen) Details nur schwer oder gar nicht zu begreifen. Als erstes müssten sie während des Anrufs einen kühlen Kopf bewahren (in diesem Fall könnten sie aber auch auflegen). Dann nachfragen und aufschreiben. So ist das Leben aber nicht. Abgesehen davon, dass Schwerhörigkeit und Probleme mit den Gelenken oder den Augen das Aufschreiben erschweren: finden Sie mal Adresse und Öffnungszeiten der Verbraucherzentralen heraus, wenn Sie ohne Internet mit schlechten Augen ein echt analoges Telefonbuch studieren müssen! Hohe Hürden, für Senioren kaum praktikabel.

Tipp 3: Am Telefon abgeschlossene Verträge sind gültig! Wenn Sie eine Auftragsbestätigung erhalten, obwohl Sie lediglich der Zusendung von Informationsmaterial zugestimmt haben, widerrufen Sie umgehend und zwar schriftlich, am besten per Einschreiben.

Seit 09.10.2013 müssen zumindest Gewinnspiel-Verträge in Textform vom Verbraucher bestätigt werden, berichtet die Verbraucherzentrale Niedersachsen auf ihrer Homepage. Diese Voraussetzung ist in § 675 Abs. 3 BGB geregelt.

Doch auch die Textform lässt sich geschickt für betrügerische Vertragsabschlüsse nutzen.  Die VZ Sachsen-Anhalt schrieb im Januar 2014 – also kurz nach dem In-Kraft-Treten des neuen Gesetzes – über einen passenden (Phishing-)Fall:

“So berichtete eine Verbraucherin aus Halle, dass sie ein Begrüßungsschreiben einer Firma €urowin Deutschland erhielt. Ihr wird mitgeteilt, dass sie an 225 Preisausschreiben mit der Chance auf wertvolle Gewinne teilnehmen wird. Für drei Monate sind 178,50 Euro im Voraus zu bezahlen. Dem Schreiben beigefügt ist eine Beispielformulierung für die Kündigung dieses Gewinnspieleintragungsdienstes. Doch Vorsicht, das ist eine Falle, im Beispieltext eingebaut ist auch eine Teilnahmebestätigung für drei Monate.”

Sind Sie zufällig juristischer Laie und verstehen nur Bahnhof? Bitte danke. Wieder ist ein Gang zur Verbraucherzentrale oder sogar zum Anwalt fällig? Selbst für jüngere Menschen kann es verwirrend sein.

Wer weiß da, was ein Widerruf ist oder ob nicht tatsächlich ein Vertrag abgeschlossen wurde? Nicht jeder alte Mensch hat mehr das perfekte Erinnerungsvermögen oder das Heimbüro in Ordnung. Geschweige denn juristische Kenntnisse. Vor allem aber ist es älteren Menschen peinlich, diese Schwächen gegenüber Dritten einzugestehen und um Hilfe zu fragen, besonders innerhalb der Familie. Hierbei spielt die Angst, falls der Alltag nicht mehr bewältigt wird, “entmündigt” und “ins Heim abgeschoben” zu werden, eine große Rolle. Dann wird im Zweifel auch mal eine Rechnung bezahlt – natürlich ohne jemals an Gewinnspielen teilzunehmen. Hauptsache, die Kinder merken nichts …

Tipp 4: Geben Sie bei jedem Vertragsabschluss nur die hierzu notwendigen Daten an.

Das ist angewandter gesunder Menschenverstand für alle Vertragsabschlüsse, finde ich! Oft wird bei schriftlichen Bestellungen nach Telefonnummer und Geburtsdatum gefragt und blind folgend alles ausgefüllt. Über Adressdatenbanken kommen diese Daten dann in die Hände von anderen Firmen und kriminellen Organisationen. Dem Phishing wird Tür und Tor geöffnet.

Nur geht es bei den Tipps der Polizei-Beratung gerade um ungewollte Werbeanrufe, liegt da der Rat nicht näher, überhaupt keine Verträge telefonisch abzuschließen?

Nicht jeder hat die Courage, nachzufragen, wofür bestimmte Daten benötigt werden. In den einschlägigen Telefonaten werden auch so viele Informationen quasi im Nebensatz eingeholt oder abgeglichen, ohne dass es den Angerufenen/Opfern überhaupt auffällt. Die Anrufer sind rhetorisch sehr geschickt und wissen, wie man ein Gespräch führt – besonders mit alten Menschen.

Tipp 5: Geben Sie nie Ihre Kontonummer preis, wenn Sie den Gesprächspartner nicht kennen.

Aber wenn die nette Dame zum dritten Mal angerufen hat, dann kennt man sich doch? Oder wenn es sich anscheinend um den Enkel handelt?

Sobald das Erinnerungsvermögen nachlässt, kann man sogar schon einmal vergessen, dass man die Kontonummer preisgegeben hat …

Tipp 6: Stimmen Sie nicht der Nutzung Ihrer Telefonnummer zu Werbezwecken zu. Falls Sie es doch einmal tun: Ein einmal gegebenes Einverständnis können Sie – auch telefonisch – widerrufen.

Klingt vernünftig. Letzteres sollte jedenfalls funktionieren, wenn die angegebene Telefonnummer stimmte. Seriöse Firmen werden den telefonischen Widerruf respektieren. Bei kriminellen Machenschaften liegt natürlich überhaupt keine Einwilligung vor und ein Widerruf ist wirkungslos.

Wie man sieht, sind unerlaubte Werbeanrufe für jüngere Menschen ein lästiges Übel, für ältere und alte Menschen eine üble Last. Neben allen genannten Schwierigkeiten können die Anrufe auch seelische oder körperliche Beschwerden bei Senioren verursachen. Es kommt schon vor, dass die Anrufer sehr grob werden und viel Druck ausüben. Das ist Teil der Strategie, um die Opfer zum Einlenken zu bewegen.

Gesetz, Polizei und Verbraucherzentralen haben begrenzten Spielraum bei unerlaubten Werbeanrufen. Es stellt sich die Frage, was wir selbst tun können. Als Angehörige und Freunde von betagten Menschen: Wachsam bleiben! Eine beginnende Demenz beispielsweise ist nicht ohne weiteres für Außenstehende zu erkennen. Den Betroffenen ist nämlich bewusst, dass ihr Gedächtnis schlechter wird und sie versuchen aus Scham, dies zu verbergen. Oft gelingt ihnen das für längere Zeit sehr erfolgreich.

Mein Fazit: Ein sensibler Umgang mit unseren Daten ist ebenso wichtig wie ein vertrauensvoller Umgang mit älteren Menschen, um sie vor Betrug und Belästigung zu schützen. Wir benötigen gute, für die Zielgruppe verständlich aufbereitete Informationen und auf den Einzelfall angepasste Hilfestellungen.

Aus meiner eigenen Erfahrung weiss ich: Manchmal müssen wir einen Schaden erleiden, um daraus zu lernen. Es gibt keine vollständige Sicherheit. Mit gesundem Menschenverstand, einigen vorsorgenden Maßnahmen und einem Herz für unsere Nächsten kann aber viel Schaden vermieden werden.

Foto: Sommaruga Fabio / pixelio.de


Disclaimer: Ich erteile keine Rechtsberatung. Bei rechtlichen Fragen wenden Sie sich bitte an einen Juristen Ihres Vertrauens oder die zuständige Verbraucherzentrale. 

Über mich: Als Angehörige von echten 80-plus Senioren beobachte ich seit einigen Jahren, welche Herausforderungen das Alt-werden mit sich bringt. Die Hartnäckigkeit, mit der versucht wird, Senioren um ihr sauer erspartes Geld zu bringen und um ihre Gesundheit zu bringen, macht mich wütend! In der Handakte setze ich mich für betagte Menschen ein, die versuchen, so selbständig wie möglich zu leben. Senioren verdienen Sicherheit!

Alte Menschen

“Alte Menschen sind ja nicht alle gleich, wahrscheinlich sind sie das sogar noch weniger als irgendeine andere Altersgruppe: denn ihr langes Leben hat sie zu Individualisten gemacht. Eines unserer augenblicklichen Probleme ist, dass die Gesellschaft sich weigert, das zu verstehen, und alle alten Leute als ‘gleich’ behandelt.”

Lily Pincus: Das hohe Alter

Gefunden auf http://www.frithjof.de/alter.htm

Foto: R. B.  / pixelio.de